11.07.201330 Jahre „99 Luftballons“ und kein Gramm cooler? Wie Ausländer die deutsche Musikszene sehen.
Von Simone Bauer
Wer es als deutsche Band zu etwas bringen will, hat am besten schon mal bei Rock im Park/Rock am Ring gespielt. Die Münchner Band The Exclusivekann dahinter ein Häkchen machen. Doch wer als deutsche Band auch im Ausland schaffen will, der scheint dieser Tage auf zufällige, gute Gelegenheiten angewiesen zu sein.
Auch hier können die fünf Jungs ein Häkchen setzen – zuerst spielten sie vor dem Wembley Stadion im Rahmen des Champions League Finales, zuletzt brachte ihnen der Auftritt bei den heimischen X Games viel internationale Presse ein. Mit dem bandeigenen Electrobeat treffen sie den Zeitgeist. Und da der schon mal so gut läuft, dürfte bald nicht nur Deutschland, sondern auch die ganze Welt erobert sein – inklusive des Landes des Lächelns, oder?
Umfrage am Arbeitsplatz
Hier bringt sich Kollegin M. ins Spiel. Sie hat in China studiert und meint grinsend: „Während meines Auslandsstudiums war ich in einem der coolsten Clubs Qingdaos und auf einmal lief nach einem genialen Electrosong ‚Das rote Pferd‘. Die Chinesen sind voll drauf abgegangen!“ K. stimmt zu – sie und ihr Freund sind gerade aus dem absoluten Chill-out-Paradies für Aussteiger auf Long Island, Bahamas, zurück. An einer Tankstelle sei sie gefragt worden, wo sie denn herkämen. „Oh, near the Black Forest? That’s amazing. Do you know Baden-Baden? A couple of years ago I worked as a roadie for several bands and artists and I also travelled through Germany. We had a gig in Baden-Baden with this artist. You probably know him. They said he was German or at least very popular over there. Even if he doesn’t look German at all. His name was Roberto Blanco - a great singer and entertainer - do you know him?“ Seither wäre der Einheimische großer Roberto-Blanco-Fan.
Also doch eher Schlager als Coolness? Den Berliner SchmusesängerMaximilian Hecker kennt in Deutschland seit fast zehn Jahren kaum niemand, in Asien ist er jedoch ein umschwärmter Teeniestar. Auch das spricht nicht wirklich für das Idealbild, das vor allem Berliner von ihrer Szene haben. Freundin N., gebürtige Ukrainerin, wohnt seit Jahren in der Hauptstadt. „In Osteuropa sind nachwievor Tic Tac Toe der totale Renner!“, erklärt sie lachend.
Zeit, meine „Birmingham Mom“, L., zu fragen, welche deutsche Musik ihr denn geläufig sei. Mütter wissen es ja immer am besten: „Zur deutschen Musik muss ich sagen, dass ich mich natürlich an Nena erinnere. Wir liebten den Song noch vor seiner Übersetzung ins Englische.“ Sogar in einer Folge der „Gilmore Girls“ spielte „99 Luftballons“ in seiner Originalversion eine Rolle. Das sollte zu denken geben, immerhin wird dieser Song heuer 30.
Erfolgsrezept Ausland?
Maximilian Hecker, Nena - und natürlich Rammstein. Sie alle haben den internationalen Markt erobert. Was kann man von ihnen lernen und den deutschen Newcomern mit auf den Weg geben, um sich genau dort auch einen Namen zu machen, weit weg von zu Hause? Wenn es schon nicht das musikalische Genre ist, kann es dann vielleicht doch die Sprache sein?
Die Beatsteaks sind ein gutes Beispiel dafür. Die singen zwar auf Englisch, durften aber bisher lediglich auf die Vans Wraped Tour im Jahr 2000 durch Amerika fahren. Die Toten Hosen halten mit einem Mix aus überwiegend Deutsch und ein wenig Englisch dagegen – und begeistern in Südamerika die Massen, allerdings ausschließlich live. Gold und Platin hagelt es für die Punks nur bei uns.
Ein Grund für eifrige Konzertbesucher dürften missionierenden Austauschschüler sein. Im Fall von Silbermond kommt es immer mal wieder vor, dass deutsche Schüler ihre Lieblingsplatten mit ins Ausland nehmen oder junge Menschen bei ihrer Gastfamilie die Band entdecken. Mit diesem Wissen fuhren Silbermond bei ihrer Tour Ende 2012 nach Paris, Amsterdam, Brüssel und London. Letztlich muss man bei solchen Auftritten aber immer damit rechnen, dass viele deutsche Fans eine Chance auf Urlaub nutzen und einfach hinterherfahren – so auch schon geschehen bei Die Ärzte in Prag.
Die Band mag sich einen Traum erfüllen, doch „entdeckt“ wird man höchstens mal von einem interessierten Ortsansässigen. Den Grammy bekommt man dadurch nicht automatisch auf dem Silbertablett serviert – höchstens die Intimität von Clubgigs, während man daheim in Deutschland die größten Hallen des Landes füllt. „Die englische Musikbranche wartet nicht auf deutsche Bands“, sagte Silbermond-Entdecker Ulf Wenderlich der taz. Wer also wirklich noch die Texte verstehen will, lernt Deutsch. Daher schickt das Goethe Institut auch regelmäßig Bands ins Ausland, um Werbung für seine Deutschkurse zu machen. Bands, die sich wie Wir sind Helden die Mühe machen, Songs in Japanisch und Französisch einzusingen, werden allerdings nicht immer mit Ruhm belohnt.
Fazit
Doch wie vermeidet man Massentourismus und fällt einfach so international auf? Mit dem gewissen Etwas? Das hatte für lange Zeit Tokio Hotel, allen voran Bandleader Bill. So mutierte er zur Modemuse, inklusive Lagerfeld-Fotoshoot und ein 2010er Catwalkjob für Dsquared². 2005 kämpften sich Bill, Tom, Gustav und Georg durch den Monsun und wenig später waren Teenies weltweit von der jugendlichen Sehnsucht fasziniert, die die Jungs in ihren Texten präzisierten, sodass sie die Deutschkurse ihrer Umgebung stürmten.
Als das Album „Schrei“ als „Scream“ erneut auf den Markt geworfen wurde, landete es auf Platz 39 in den amerikanischen Billboard Charts, in Kanada gar Platz 6. Das Original „Schrei“ erreichte gar in Frankreich Gold. Schließlich erschien 2009 das dritte Album „Humanoid“ in zwei Sprachen gleichzeitig – eine Hürde für Sänger Bill, wie er MTV verriet: „Für mich ist es hart, auf Englisch zu singen, da es nicht meine Muttersprache ist. Ich möchte wirklich, dass es sich natürlich anhört.“ Doch da es Preise des Musiksenders aus Italien, Lateinamerika und Frankreich regnete und sie auch einen MTV Video Award ihr eigen nennen können, hat sich die Arbeit gelohnt.
„Humanoid“ fiel dennoch nach der zweiten Woche auf Platz 25 der deutschen Charts. Der Erfolg der Jungs im eigenen Land ließ nach. Als sich Bill und Tom nach Los Angeles zurückzogen, lag das allerdings nicht an ihren Plänen, den amerikanischen Musikmarkt stärker in Griff zu haben. In der Morgenpost äußerte Bill sich über massives Stalking, es sei damals „ein 24-Stunden-Psychoterror“ gewesen.
Vermutlich ist mit dieser Analyse schon eins klar: Sich für den potentiellen internationalen Ruhm zu verbiegen, bringt eh nichts. Zu unterschiedlich die Anforderungen. Klischees kann man ohnehin nicht bekämpfen – und davon können beispielsweise LaBrassBanda nur profitieren, die auf Bayerisch und in Lederhose Simbabwe, Russland und Ungarn bereist haben. Aber auch coole Rocker hatten durchaus schon Glück. Vielleicht auch bald The Exclusive?
VIA:http://www.zeitjung.de/kultur/9139-das-musikalische-tor-zur-welt-deutsche-bands-im-ausland/